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Und die Kinder? Vergessen.

Jessica aus Hamburg, Kevin aus Bremen, Mehmet aus Zwickau. Sind diese
Fälle von Kindervernachlässigung Ausnahmen oder Zeugnis eines
erschreckenden Trends? InDOpendent hat in Dortmund nachgefragt.

Leere Kühlschränke. Vermüllte Kinderzimmer. Eltern, die ihren Kindern mit
Selbstmord drohen. Die Überforderung von Müttern und Vätern hat viele
Gesichter. „Wir sehen dramatische Bilder von versifften Wohnungen und
Kindern, die darin herumwühlen“, sagt Dortmunder Familienhelferin Melanie
Kleinfeld*.
Ihr Kollege Torben Aßmann* kennt eine Ursache: „Das System Familie
funktioniert nicht mehr so gut wie früher.“ Mütter und Väter würden weniger
auf die emotionalen Bedürfnisse ihres Nachwuchses eingehen.
Das Thema Kindervernachlässigung war im vergangenen Jahr in den Medien
präsent wie nie. Das legt den Schluss nahe, dass das Problem sich aktuell
zuspitzt. Jens Pothmann von der Dortmunder Arbeitsstelle für Kinder- und
Jugendhilfestatistik aber sagt: „Es gibt keine bundesweiten Daten, die einen
solchen Trend belegen.“
Auf lokaler Ebene finden sich jedoch Hinweise auf eine Verschärfung des
Problems. So hat das Dortmunder Jugendamt in letzter Zeit nach eigenen
Angaben mehr Kinder aus ihren Familien nehmen müssen: Verzeichnete die
Stadt noch im Jahr 2005 noch 203 solcher Fälle, waren es im vergangenen
Jahr rund 20 Prozent mehr. Bundesweit hingegen sanken die Werte um ein
Prozent auf 25.422 Betroffene.
Aber selbst, wenn der Staat öfter eingreifen würde als früher, wäre damit
nicht belegt, dass Vernachlässigung zunimmt, sagt der Statistiker Pothmann:
„Es kann auch sein, dass die Behörden mehr Fälle aufgedeckt haben.“ Es gebe
keine verlässliche Definition von Kindesvernachlässigung. Über die Zahl der
Betroffenen würden nur Schätzungen existieren: Demnach würden
bundesweit zwischen 80.000 und 430.000 Kinder vernachlässigt.
Eine Entwicklung lässt sich zwar nur schwer beziffern. In der Praxis, zeichnen
sich aber Trends ab: „Es gibt immer mehr Familien, in denen viele Probleme
zusammen kommen“, sagt der Familienhelfer Aßmann*. Psychische
Erkrankungen, Sucht, Armut. Achtzig Prozent seiner Klienten seien Hartz IV-
Empfänger. Seine Kollegin Melanie Kleinfeld* ergänzt: „Es wird immer
deutlicher, dass Eltern mit psychischen Erkrankungen mehr
Erziehungsprobleme haben.“ Wer bei sich selbst scheitere, könne schwer
Verantwortung für ein Kind übernehmen.
In solchen Fällen sind ambulante Familienhelfer machtlos. Diese Kinder
werden aus der Hand ihrer Eltern genommen. „Sechzig Prozent der
Betroffenen kommen in Pflegefamilien unter“, sagt Bodo Weirauch vom
Dortmunder Jugendamt. Für die Übrigen bleibt ein Heimaufenthalt als einzige
Alternative.
Damit es so weit nicht kommt, setzen die Jugendämter nach eigenen
Angaben zunehmend auf Früherkennung von Problemfamilien. Dazu haben
die Kommunen ihre Ausgaben für die Erziehungshilfe erhöht: Sie gaben im
vergangenen Jahr in diesem Bereich 5,4 Milliarden Euro aus - 74 Prozent
mehr als im Jahr 1992.
Auch die Stadt Dortmund stellt in diesem Jahr mehr Geld für Erziehungshilfe
bereit: Der Haushalt sieht 63 Millionen Euro für diese Zwecke vor - drei
Millionen mehr als im Jahr 2006. Um früher auf Problemfamilien aufmerksam
zu werden, bittet das Jugendamt Erzieher, Ärzte und Lehrer, ihm gefährdete
Kinder zu melden.
Die Familienhelferin Kleinfeld* wünscht sich, dass Kommunen noch mehr
Geld für Kooperationen zwischen öffentlichen Stellen und freien Trägern
ausgeben: „Wir müssen Angebote für Betroffene wie Beratungsstellen,
Selbsthilfegruppen und Kinderarztpraxen bündeln.“ Bodo Weirauch vom
Jugendamt fordert noch mehr: Nachbarn, die überforderten Eltern helfen und
aufmerksame Bürger. „Wir brauchen ein Bewusstsein, dass Kinderschutz eine
gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist.“

* Namen von der Redaktion geändert

Ein Artikel von Barbara Wege.

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