Nur eine Frage der richtigen Pille?Winstrol, Anapolon, Sustanon, sind anabole Steroide. Im Freizeitsport
erfreuen sich diese Medikamente hoher Beliebtheit. Verspricht doch ihre
Wirkung einen schnellen Weg zu großen, starken Muskeln - perfekten
Bodymaßen. Nur über die Nebenwirkungen redet niemand gern.
Reichen hoch dosiertes Koffein, Eiweiße und Mineralien – so genannte
Nahrungsergänzungsmittel - nicht mehr aus, um seinen Body
gesellschaftstauglich zu machen, müssen härtere Sachen her. Welche die
mehr und vor allem schnelleren Erfolg versprechen.
Philipp K.* kennt das. Der Dortmunder Informatikkaufmann mit dem
charmanten Lächeln, dem markanten Gesicht und den breiten Schultern sitzt
in einem Dortmunder Café und bestellt einen Milchkaffee. Wer ihn anschaut,
würde kaum auf die Idee kommen, dass er gerade die schlimmste Zeit seines
bisherigen Lebens durchgemacht hat. Heute, meint er, gehe es ihm auch
wieder hervorragend. Aber vor einem Jahr noch, da wusste er nicht wie es
weitergehen soll.
Vor etwa vier Jahren fing alles an. Da war Philipp 22 Jahre alt. Damals hatte er
etwas für sich und seinen Körper tun wollen, erzählt er. „Ich hatte einen Body
Maß Index (BMI) von 26, wog bei 1,86 Metern 91 Kilo. Ich war ein
Pummelchen.“
Dabei wollte Philipp es damals nicht belassen. Er wollte ausgehen, Spaß
haben und vor allem beachtet werden. „Ich nahm meinen ganzen Mut
zusammen und marschierte in ein Fitnessstudio“, erzählt er und nippt an
seinem Milchkaffee.
Eigentlich ein Schritt, den viele Übergewichtige machen. „Es kostet eine
Menge Überwindung“, beschreibt Philipp die Situation. „In dem Fitnessstudio,
in dem ich war, liefen so viele gut aussehende Menschen rum. Ich schämte
mich.“
Philipp trainierte trotzdem wie ein Besessener. Er ließ sich alle zwei Wochen
von seinem Trainer den Trainingsplan anpassen. Zusätzlich ging er zu einer
Ernährungsberatung. Praktischerweise gab es die direkt in seinem Studio. „Ich
strich kurzkettige Kohlehydrate von meinem Speiseplan und bemühte mich
nur mageres Fleisch und Fisch zu essen.“
Innerhalb von sechs Monaten hatte Philipp nicht nur auf 81 Kilo abgespeckt,
sondern sich auch mit einigen Leuten aus dem Studio angefreundet. „In der
Umkleide fragte ich irgendwann einen Bekannten, ob er nicht ein paar Tipps
für mich hätte. Ich wollte auch so einen Waschbrettbauch wie er hatte.“
Ab hier ging dann für Philipp alles ganz schnell – abwärts. Sein Bekannter
verriet ihm, dass so eine Figur, ohne den richtigen ‚Cocktail’ aus Anabolika
und anderen Stoffen für einen Freizeitsportler unerreichbar sei.
„Natürlich hatte ich Angst vor Nebenwirkungen“, sagt Philipp. Dabei schließt
er die Augen und schüttelt leicht seinen Kopf. „Ich war so naiv, darauf
besessen, endlich so auszusehen wie die Männer in Dusch-Werbespots.“
Philipp fiel auf die Aussagen der Leute rein, die mit anabolen Steroiden und
anderen Dopingmitteln Geld machen. Mit der richtigen Dosierung und
regelmäßigen Pausen, dazu konzentriertem Training, sei das Risiko gleich
null, versicherte der Bekannte Philipp. Allein mit Eiweißmittelchen würde er
keinen schnellen Erfolg erzielen.
Philipp machte insgesamt fünf Pillen-Kuren mit. Die erste erhielt er von
seinem Bekannten, die nächste bereits vom Lieferanten seines Bekannten,
einem 1,90 Meter großen Hünen, der die Mittel regelmäßig aus den USA
besorgt und über die tschechische Grenze nach Deutschland schmuggelt.
Manni, wie ihn seine „guten Kunden“ nennen, macht aus seinen
Geschäftspraktiken keinen großen Hehl. In den USA seien die Mittel frei
verkäuflich und bei Ebay bekomme man eine Menge Kohle dafür, erklärt der
gebürtige Augsburger, der sonst unerkannt bleiben möchte. Auch ohne die
Auktionsplattform im Internet habe er viele Kunden, für die er auch mal durch
Deutschland reise, wenn es sich finanziell lohne.
Auf die Frage, ob er denn keine Angst habe, mit verschreibungspflichtigen
und teilweise verbotenen Mitteln erwischt zu werden, antwortet er kühl, dass
er bei einer Zolldurchsuchung alles für den Eigenbedarf angebe. Dann
könnten die „Deppen“ ihm „maximal das Zeug abnehmen“. Mehr passiere
nicht. Und er sei ja auch ein „Fuchs und transportiere nicht gleich LKW-
Ladungen über die Grenze, sondern alles etappenweise“.
Manni fungiert als klassischer Dealer. Aber es gibt auch andere Wege, sich
Dopingmittel zu beschaffen. InDOpendent hat in 16 Apotheken versucht, das
verschreibungspflichtige Medikament Primobolan Depot zu bekommen. Das
Medikament enthält den Wirkstoff Methylandrostenolon, das den Kraft- und
Muskelzuwachs stärken soll. In zwei von diesen Apotheken, wäre es für uns
ohne weiteres möglich gewesen, das besagte Medikament ohne Rezept
käuflich zu erwerben. Die Apotheken hatten das Medikament nicht vorrätig.
Beide sicherten uns aber zu, dass wir es am nächsten Morgen abholen
könnten.
Philipp ging nie in eine Apotheke. Er bekam von Manni alles, was er für sein
„Traumziel Waschbrettbauch“ brauchte. Allerdings stellten sich bei dem
Informatikkaufmann schnell unerwünschte Nebenwirkungen ein: „Obwohl ich
mich an Ernährungsvorgaben und Dosierungen hielt, wurde ich bereits
während der dritten Kur aggressiv. Ich schubste meine Freundin herum und
schrie sie oft an. Dabei war ich doch eigentlich so froh, endlich jemanden
gefunden zu haben. Zwischen den Kuren – also während der Einnahmepause
– wurde ich richtig depressiv. Damals habe ich mir das nicht eingestanden,
heute erkenne ich das. Ich fieberte regelrecht der nächsten Kur entgegen. Ich
wollte wieder dieses Stärkegefühl, dieses euphorische verspüren“, erinnert
sich Philipp.
Während der letzten Kur bekam Philipp Akne, Luftnot und übermäßig starke
Wassereinlagerungen in den Gelenken. „Ich zog die Notbremse, ging zum
Arzt. Gott sei Dank, schien ich die ‚Cocktails’ generell schlechter zu vertragen
als andere.
Das hat mir weitere ernsthaftere Erkrankungen erspart“, sagt Philipp. Ohne
Beschwerden hätte er sicher keinen Arzt aufgesucht.
Trotz des relativ kurzen Zeitraums von etwas mehr als einem Jahr, in dem
Philipp diversen Dopingmitteln ausgesetzt war, brauchte er dieselbe
Zeitspanne, um seinen Hormonhaushalt zu stabilisieren und vor allem ein
gefestigtes Selbstwertgefühl zu erlangen. Heute geht Philipp zwar in kein
Fitnessstudio mehr, dem Sport bleibt er trotzdem treu. Er geht regelmäßig
schwimmen und außerdem mit seinen Arbeitskollegen Fußballspielen.
* Name von der Redaktion geändert Ein Artikel von Yvonne Rath.
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