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Kraftlose Lehrkräfte

Lehramtsstudierende sollen künftig auf ihre emotionale Stabilität getestet
werden – so der Vorschlag der ehemaligen Präsidentin der
Kultusministerkonferenz, Ute Erdsiek-Rave.

Psychologisch gesehen ist emotionale Stabilität eines von fünf
Grundmerkmalen, die jeder Persönlichkeit zugrunde liegen. Emotionale
Stabilität – im Fachjargon Neurotizismus – beschreibt wie gut jemand mit
Stress umgehen kann. Menschen mit einem hohen Neurotizismuswert gelten
als emotional labil, zu Nervosität neigend und empfindlicher für Stress.
Kristina Frey, Psychologin am Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS)
der Universität Dortmund, sagt: „Emotionale Stabilität kann subjektiv
empfundene Belastung im späteren Lehreralltag durchaus vorhersagen.“
Burnout ist bei Lehrern ein nicht zu unterschätzendes Symptom: Jeder zweite
fühlt sich durch den Stress in seinem Beruf übermäßig belastet, mindestens
jeder dritte befindet sich in einem Vorstadium zum Burnout-Syndrom. Das ist
das Ergebnis einer vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) mitfinanzierten
Studie aus dem Jahr 2004.
Lehramtsstudenten auf emotionale Stabilität zu testen, hält Kristina Frey
prinzipiell für sinnvoll: „Theoretisch scheint die Idee, emotionale Stabilität als
ein Kriterium zur Vorhersage des späteren Berufserfolgs zu nehmen, also
keinesfalls absurd.“ Sie hebt aber gleichzeitig hervor, dass die theoretische
Eignung nicht unbedingt in der Praxis erfolgreich sein muss.
Christian Rethmeier wäre einer der von den Tests Betroffenen. Er studiert im
vierten Semester Geschichte und Anglistik auf Lehramt an der Universität
Dortmund und findet die Idee an sich nicht schlecht. Er fragt sich jedoch: „Wie
will man das denn machen?
Denkbar wären Tests, die sich an bereits entwickelten
Persönlichkeitsfragebögen orientieren, zum Beispiel dem NEO-Fünf-
Faktoren-Inventar. Es ist schon vor 15 Jahren entwickelt worden und
mittlerweile international gebräuchlich. Aussagen wie „Ich grüble nicht lange
über persönliche Probleme nach“ oder „Mich wirft so leicht nichts aus der
Bahn“ werden von dem Getesteten subjektiv auf einer Skala von eins bis fünf
bewertet.
Die Verlässlichkeit solcher Tests ist für Kristina Frey allerdings fraglich:
„Schließlich ist es durchaus möglich, erwünschte Antworten zu geben, die die
eigene Emotionsstabilität betonen, selbst wenn es sich nicht um einen
Menschen mit stabiler Emotionslage handelt.“ Auch Christian Rethmeier ist
skeptisch: „Es wird ja gemacht, um Leuten sagen zu können, du bist geeignet,
Lehrer zu werden. Das muss ein verdammt guter Test sein.“
Bis ein Test auf emotionale Stabilität für Lehramtstudierende Realität ist, kann
es aber noch dauern. Über den Vorschlag von Ute Erdsiek-Rave berät erst
einmal die Kultusministerkonferenz – auf ihrer nächsten Sitzung am 28.
Februar.

Ein Artikel von Sandra Czaja.

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